Spanien auf «Grünen Wegen» erkunden
Die so genannten «Grünen Wege» oder «Vías Verdes» gehen auf ein 1993 aufgegleistes Projekt zurück, das ehemalige Eisenbahnlinien speziell für Spaziergänger, Reiter und Radfahrer anpasst und zugänglich macht. Heute sind die «Vías Verdes» eine abwechslungsreiche und umweltfreundliche Alternative, um Spanien, seine Kultur und die verschiedenen Landschaften kennen zu lernen. Diese ökologische Form des Tourismus ist für alle Altersstufen und Menschen jeglicher körperlicher Konstitution geeignet.
Ehemalige Eisenbahnlinien, über die seit langem kein Zug mehr fährt, waren jahrelang in Vergessenheit geraten. Jetzt gibt es auf vielen dieser Trassen keine Gleise mehr. Das Bild hat sich total verändert. Wo einst Lokomotiven, Personen- und Güterwagen durch die Landschaft fuhren, finden sich heute Radfahrer, Fussgänger und Reiter. In ganz Spanien gibt es inzwischen insgesamt 1700 Kilometer dieser «Grünen Wege», allesamt leicht zugänglich und angenehm zu benutzen. Da technische Hindernisse fehlen und die Wege gut befestigt sind, eignen sie sich nicht nur für gut trainierte Wanderer oder Radfahrer, sondern auch für Kinder, Erwachsene und Personen mit eingeschränkter Mobilität. Weil motorisierte Fahrzeuge auf den «Grünen Wegen» verboten sind - auch Mopeds dürfen diese Wege nicht befahren - sind die «Vías Verdes» auch zu einem Begriff für Sicherheit und Respekt vor der Umwelt geworden.
Möglich gemacht haben die Realisierung des Projekts «Vías Verdes» in erster Linie das Spanische Umwelt- und Landwirtschaftsministerium, die Stiftung der Spanischen Bahnen (FFE) sowie die im Bahnsektor tätigen Gesellschaften ADIF und FEVE. Beigetragen haben aber auch einzelne Autonomieregionen, Provinzen, Gemeinden und Privatinitiativen. Für 19 dieser «Grünen Wege» wurde 2009 erstmals ein Pass geschaffen, eine Karte, die den Besitzern beim Begehen oder Befahren dieser Routen verschiedene Vorteile bringt. Im laufenden Jahr werden unter anderem der «XII. Nationale Tag der Vías Verdes» (im Mai) und der «IX. Europäische Tag der Vías Verdes» (im September) stattfinden. Zudem gibt es einen Foto- und einen Video-Wettbewerb.
Die Auswahl ist riesig
Von Norden nach Süden und von Osten nach Westen gibt es 70 verschiedene Routen und Hunderte von Kilometern faszinierender Wege, die durch Landschaften von beeindruckender Schönheit führen, in denen ein Teil des spanischen Kulturerbes entdeckt werden kann. Schautafeln und Schilder, die entlang der Wege aufgestellt sind, weisen auf interessante, kulturhistorisch wertvolle Orte oder Naturschönheiten hin. Die Auswahl ist riesig: Es gibt Strecken von nur gut drei Kilometern Länge, Wege durch Stadtgebiete oder über Land oder auch Abschnitte bis zu 120 Kilometern. Auf der Internetseite der «Vías Verdes» werden auch zahlreiche geführte Exkursionen in den Provinzen Girona, Tarragona, Teruel, Castellón, Valencia, Alicante, Toledo, Cádiz, Sevilla sowie in der Comunidad Madrid angeboten.
Bevor man sich allerdings ins Abenteuer stürzt, sollte man einige wichtige Dinge bedenken und eine Grundausrüstung vorbereiten: Sportkleidung, bequemes Schuhwerk, eine Taschenlampe, einen Rucksack mit Wasser und Verpflegung und, wenn die Tour auf zwei Rädern durchgeführt werden soll, natürlich ein Fahrrad. An einigen Wegen gibt es Fahrradverleihstationen, und entlang der Routen finden die Reisenden selbstverständlich auch Unterkunftsmöglichkeiten, Pensionen und Restaurants, wo sie neue Energie tanken können.
Die «Olivenöl-Route»
Ein schönes Beispiel für den Facettenreichtum der «Grünen Wege» ist die «Route des Olivenöls» durch die Provinz Jaén in Andalusien. Auf einer Strecke von 55 Kilometern durchläuft sie unendliche Olivenhaine, führt durch zwei Tunnels, über zahlreiche Eisenbrücken und neun beeindruckende Viadukte aus dem 19. Jahrhundert. 1893 rollte der erste «Ölzug» durch Jaén, das «grüne Gold» in Zisternenwagen von Linares über Puente Genil nach Málaga oder Algeciras transportierte. Dieser Schienenweg diente ausserdem dazu, Kohle aus dem Becken von Belmez und Erze aus Linares zur Verschiffung nach Málaga zu bringen. 1985 wurde der mittlerweile unwirtschaftlich gewordene Bahnbetrieb eingestellt. In den Neunzigerjahren wurde die Strecke dann umgebaut und heute geniessen Wanderer und Radfahrer die «Vía Verde del Aceite», die in Jaén beginnt, in südwestlicher Richtung verläuft und nach 55 Kilometern in Alcaudete endet. Neben der faszinierenden Landschaft der «Campiña» von Jaén können die Besucher auch die imposante Kathedrale von Jaén, die Arabischen Bäder der Provinzhauptstadt, trutzige Burgen, mittelaterliche Brücken und archäologische Ausgrabungsstätten bewundern. Der Höhenunterschied auf der Strecke, die in fünf Einzelabschnitte unterteilt werden kann (Torredelcampo, Torredonjimeno, Martos, Vado Jaén und Alcaudete) beträgt insgesamt 250 Meter mit einer eine Maximalsteigung von 3 Prozent. Radfahrer müssen für die gesamte Route mit ungefähr fünf Stunden Fahrzeit rechnen.
Fünf Routen rund um Madrid
In der Comunidad Madrid gibt es fünf «Vías Verdes» von unterschiedlicher Länge, welche es Besuchern der spanischen Hauptstadt ermöglichen, neben den Stadtbesichtigungen auch mal einen Ausflug ins Grüne zu unternehmen. Es sind dies die «Vía Verde del Río Guadarrama» (13 Kilometer zwischen Móstoles und Navalvcarnero, mit Cercanía Renfe Linie C-5 und Bus erreichbar), die «Vía Verde del Alberche» (14 Kilometer zwischen San Martín de Valdeiglesias und dem Stausee von Picadas, mit dem Bus erreichbar), die «Vía Verde del Tren de 40 días» (14 Kilometer zwischen Carabaña und Estremera, mit dem Bus erreichbar), die «Vía Verde del Tajuña» (49 Kilometer zwischen Arganda del Rey und Ambite, mit der U-Bahn L-9 erreichbar) sowie die «Vía Verde de la Gasolina» (3 Kilometer zum historischen Parque de El Capricho), mit Bus und Metro erreichbar). Mit Ausnahme der «Vía Verde del Río Guadarrama» sind diese Routen auch rollstuhlgängig.
Wo immer man wandert, reitet oder fährt, diese Art des Tourismus stellt eine originelle und abwechslungsreiche Alternative dar und bietet die Möglichkeit, auf einfache und ökologische Weise wertvolle Natur- und Kulturräume kennen zu lernen. Weitere Details und Streckenvorschläge unter www.viasverdes.com
Bruno Bernhard



