Auf den Weinrouten Spanien erkunden
Die spanischen Weinstrassen bieten eine originelle Möglichkeit, den immensen kulturellen Reichtum des Landes kennen zu lernen, während man die besten Weine der verschiedenen Regionen kostet. Aromen, Geschmacksnoten, Geschichte und Kunst verschmelzen zu einem anregenden Erlebnis.
So verwundert es kaum, dass im touristisch nicht besonders brillanten Jahr 2009 die dem Club der Weinrouten Spaniens angeschlossenen Bodegas 1,42 Millionen Besucherinnen und Besucher verzeichneten, satte 19 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Die zwei meistbesuchten Weinrouten waren die «Ruta del Vino y el Cava del Penedès» in Katalonien und die «Ruta del Vino y el Brandy del Marco de Jerez» in Andalusien.
Von den Rías Baixas zu den Pyrenäen
Die Reise auf Spaniens Weinstrassen könnte im Nordwesten, genauer gesagt, in Galicien beginnen. Hier befindet sich die Weinstrasse der Rías Baixas, der Wiege des Albariño-Weins. Wer ihn nicht kennt, den wird der Geschmack dieses frischen jungen Weins überraschen, der hervorragend zu einigen der besten Gerichte der galicischen Gastronomie wie beispielsweise Fisch und Meeresfrüchten passt. Die Fahrt auf der Weinstrasse gibt zudem Gelegenheit, die Küste der Gegend mit ihren spektakulären Stränden kennen zu lernen, die ideal zur Ausübung von Wassersportarten oder einfach zum Geniessen geeignet sind. Ein landschaftlicher Höhepunkt ist der Nationalpark «Islas Atlánticas».
Ebenfalls im Norden Spaniens, im Baskenland, verläuft die Weinstrasse der Rioja Alavesa, wo einige der international angesehensten spanischen Weine erzeugt werden. In dieser Region bietet sich Gelegenheit, einige der neuen Kathedralen des Weins aufzusuchen: Avantgardebauten und -kellereien von so namhaften Architekten wie Santiago Calatrava (Bodegas Ysios) oder Frank O.Gehry, der für Bodegas Marqués de Riscal die «Stadt des Weins» in Elciego errichtet hat. Hier sollte man sich eine Vinotherapie-Behandlung gönnen, die Körper und Geist tonifiziert, und zudem die weltweit bekannte baskische Gastronomie geniessen. Nicht weit entfernt befindet sich die Weinstrasse der Rioja Alta und knapp 100 Kilometer südlich diejenige von Navarra. Orte wie Olite oder Tafalla erinnern daran, wie wichtig diese Gegend in der Geschichte des von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Jakobswegs gewesen ist.
16 Bodegas sind dem Club der Weinrouten entlang der Weinstrasse Ribera del Duero angeschlossen, welche zwischen Valladolid und Aranda del Duero verläuft. Weine aus Ribera del Duero geniessen heute weltweite Anerkennung, sind allerdings auch nicht billig. Von da geht die Reise weiter nach Osten, nach Aragón, zur Weinstrasse von Somontano. In dieser Gegend am Fuss der Pyrenäen werden besonders exquisite Weine erzeugt. Doch davon abgesehen kann dieser Landstrich in Huesca mit in Weinberge eingebetteten Sehenswürdigkeiten in Orten wie Barbastro oder Alquézar, aber auch mit dem Naturpark Sierra y Cañones de Guara aufwarten.
Vom Cava zum Sherry
Nur knapp 200 Kilometer entfernt lässt sich in Katalonien die Wein- und Cavastrasse des Penedès erleben. In dieser Gegend wird ein Wein, der Cava, erzeugt, der mit seinem unverwechselbaren Prickeln internationalen Ruf geniesst. Hier kann man aber auch das eindrucksvolle Kulturerbe eines Bezirks mit zahlreichen romanischen und modernistischen Gebäuden, Burgen und Bodegas entdecken.
Ähnlich ist es bei der Weinstrasse von Jumilla in Murcia. Nicht nur die in den letzten Jahren häufig ausgezeichneten Weine überraschen, sondern auch der alte Stadtkern von Jumilla und die umgebende Natur mit dem Regionalpark Sierra del Carche, wo Sportarten wie Wandern, Radwandern, Gleitschirm- und Drachenfliegen angesagt sind.
Weiter südlich führt in Andalusien die Weinstrasse von Montilla-Moriles tief in die Provinz Córdoba hinein. Auf dieser Strecke lassen sich Weine kosten, die unter anderem zu Tapas oder auch Desserts ideal sind. Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, einen Abstecher nach Córdoba zu unternehmen. Die dortigen Sehenswürdigkeiten, allen voran die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärte «Mezquita», darf man keinesfalls versäumen. Noch etwas weiter im Südwesten lockt schliesslich die Wein- und Brandyroute des «Marco de Jerez», welche durch das Dreieck Jerez de la Frontera – El Puerto de Santa María – Sanlúcar de Barrameda führt.
Zum Schluss in die Mancha
Die Weinstrasse von La Mancha bildet den Endpunkt dieser interessanten Tour. Die vielen Hektar Rebflächen machen Kastilien-La Mancha zum grössten Weinbaugebiet der Welt. Die von Miguel de Cervantes in seinem Roman «Don Quijote de la Mancha» verewigte Landschaft kann mit Windmühlen, unendlichen, mit Reben bepflanzten Weiten und bedeutenden kunsthistorischen Stätten aufwarten. In dieser Region befindet sich die längste ökotouristische Route Europas, die Route des Don Quijote. Unterwegs muss man unbedingt einen Zwischenstopp einlegen, um die Gastronomie von La Mancha mit dem unvergleichlichen Manchego-Käse zu kosten und so eindrucksvolle Naturschutzgebiete wie den Nationalpark Tablas de Daimiel oder die Lagunen von Ruidera kennen zu lernen.
Die bekanntesten Weinstrassen im Überblick
Weinstrasse von Bullas (Murcia) – Weinstrasse von Jumilla (Murcia) – Weinstrasse von La Mancha – Weinstrasse der Rioja Alavesa (Baskenland) – Weinstrasse der Rías Baixas (Galicien) – Weinstrasse von Montilla-Moriles (Andalusien) – Weinstrasse von Navarra – Weinstrasse von Ribeiro (Galicien) – Weinstrasse von Ribera del Duero (Castilla-León) – Weinstrasse von Somontano (Aragón) – Weinstrasse von Tacoronte-Acentejo (Teneriffa) – Wein- und Brandyroute des Marco de Jerez (Andalusien) – Wein- und Cavastrasse des Penedès (Katalonien) – Weinstrasse von Utiel-Requena (Valencia).
Internet-Tipps: www.spain.info/saborea/rutas-del-vino/index.html?l=de – www.acevin.es – www.rutasdevino.com – www.turismodevino.com - www.wineroutesofspain.com
Designer-Bodegas und Sherry-Kathedralen
Sorgfältig angelegte und gepflegte Weinberge sowie modernste Keller- und Lagertechnik prägen seit etlichen Jahren Spaniens Weinbau. Doch nicht nur bezüglich der Weinerzeugung, sondern auch hinsichtlich der Kellerei-Architektur gibt man sich vielerorts avantgardistisch. So sind namentlich in Katalonien, La Rioja, Navarra, Ribera del Duero und Somontano einige sehenswerte Designer-Bodegas entstanden. Ein Beispiel dafür ist Navarra. Neben vielen kleinen Bodega-Bauten, welche die Dynamik der DO widerspiegeln, haben dort vor allem zwei Projekte nationales und internationales Aufsehen erregt. Zum einen ist es die «Bodega de los Señoríos de Otazu y Eriete», zum andern die Restaurierung des Ritterguts «Señorío de Arínzano». Bei letzterem hat Architekt Rafael Moneo für die navarresische Weindynastie Chivite zu einem Ensemble aus alten Gebäuden mit Wehrturm und Kapelle eine völlig neue Kellerei-Anlage geschaffen. Besucher können das Fasslager von einem längslaufenden, brückenartigen Steg aus betrachten. In der Bodega «Señorío de Otazu» versenkte Architekt Jaime Gaztelu den Barrique-Keller fast völlig unter die Erde.
Die DOCa Rioja besitzt seit 2002 eine Superbodega. In Logroño schuf Ignacio Quemada-Sáenz die neue Kellerei der «Bodega Juan Alcorta», die zur Allied Domecq Wine Divison gehört, und zu 90 Prozent unter der Erdoberfläche liegt. Angelehnt an einen alten Felsenkeller im Bodega-Viertel der Rioja-Weinhauptstadt Haro kreierte Architekt Pera Llimonera für die Kellerei «Roda» eine Halle, in die kein direktes Sonnenlicht einfällt. Eine Hängekonstruktion erlaubt es den Besuchern, die Halle mit den Barriques längs zu durchqueren.
In Ribera del Duero hat das katalanische Cava-Haus Codorníu besondere architektonische Akzente gesetzt. Beim Projekt «Legaris» in der Nähe von Peñafiel, wurde speziell darauf geachtet, architektonische Eleganz mit der praktischen Seite des Weinmachens zu verknüpfen. Domingo Triay entwarf einen Gebäudekomplex, der sich aus vier in Form eines Kreuzes angeordneten Würfeln zusammensetzt. Drei der Würfel besitzen eine verglaste Galerie, auf der sich Besucher durch die Kellerei bewegen können.
Eine ganz andere Bodega überrascht in Laguardia im Baskenland durch ihre spektakuläre Architektur. Dort hat Stararchitekt Santiago Calatrava die Weinkellerei «Ysios» als eine mitten im Weingärten gelegene starre Skulptur entworfen. Das gewellte Aluminiumdach erinnert an die geschwungenen Dächer, die Antonio Gaudí für das Battló-Haus in Barcelona erdacht hatte. Westlich von Laguardia zieht sich die Route der modernen Wein-Architektur weiter durch das Land. Norman Foster entwarf eine Kellerei für «CVNE» und für «Marqués de Riscal» schuf Frank Gehry in Elciego die «Ciudad del Vino».
In Somontano hat man bei «Bodegas Enate» einen Neubau mitten in die Weinberge gesetzt. Mit Hilfe des alcantinischen Architekten Jesús Manzanares entstand dort ein hochmodernes, aber durchaus kreatives Gebäude im Industriedesign. Manzanares verwirklichte hier als erster spanischer Architekt das Prinzip einer «gläsernen Bodega». Die Kellerei besitzt eine Besuchergalerie, von der aus alle Arbeitsprozesse beobachtet werden können.
In Katalonien, vom Penedés bis zum Priorato, von der Conca de Barberà bis zur Terra Alta spiegeln die im spanischen Jugendstil (Modernismo) erbauten Bodegas eine Zeit wider, in der Wein und Landschaft miteinander verschmolzen. Beispiele dafür sind etwa die Bodega der Cava-Kellerei «Codorníu» in Sant Sadurni d’Anoia oder die drei Hallen der Kooperative von «La Espluga de Francolí».
Unvollständig wäre der Kurzüberblick über Spaniens Weinarchitektur, liesse man die so genannten Sherry-Kathedralen in Andalusien ausser Acht. Bei diesen Weinkellereien handelt es sich um meist schlichte, sehr hohe Gebäude, in denen ideale Bedingungen für die Entwicklung des Flors und somit für den biologischen Ausbau der Finos und Manzanillas herrschen. Diese Bodegas bestimmen das Bild der Städte Jerez de la Frontera, Sanlúcar de Barrameda und El Puerto de Santa María, die das «Sherry-Dreick» bilden. Eine der schönsten Kathedralen-Bodegas ist zweifellos «La Mezquita» von «Bodegas Domecq» in Jerez.
Herbst – Zeit der Weinfeste
Teilweise schon im August, vor allem aber im September ist in den spanischen Weinregionen die Zeit der «Fiestas de Vendimia», der Weinlese-Feste. Es sind Feste, zu denen nicht nur regionale Folklore, und bunte Umzüge gehören, sondern vor allem auch das traditionelle Traubenstampfen für den ersten Most. Bereits in der zweiten Augusthälfte geht in Requena, im Hinterland von Valencia, das wohl älteste Weinlesefest des Landes in Szene. Musikveranstaltungen von Folklore über Klassik bis Rock, ein mittelalterlicher Markt, Sportwettkämpfe, Umzüge, Feuerwerke, Weinproben, Traubenstampfen und die Kür der Weinkönigin gehören zu diesem traditionellen Fest. (www.fiestavendimiarequena.com)
Im September feiert Olite, die Weinhauptstadt Navarras ihr Weinlesefest. Der kleine Ort mit mittelalterlichem Ambiente, für das nicht zuletzt die mächtige, zinnenbewehrte Burg in der Ortsmitte sorgt, ist berühmt für seine Weine. Bodegas und Kellereien bestimmen denn auch weitgehend das Bild und das Alltagsleben in Olite und der umgebenden Region. Informationen zu Navarra und seinen Festen unter www.cfnavarra.es/turismonavarra
Wie keine zweite Region Spaniens ist La Rioja vom Wein geprägt. Zu einer Reise in dieses Gebiet gehören denn neben dem Besuch der wunderschönen kleinen Städtchen wie Haro, Calahorra oder dem am Jakobsweg gelegenen Santo Domingo de la Calzada auch eine Visite in einer oder mehreren der zahlreichen Bodegas. Wer in der zweiten Septemberhälfte kommt, den erwartet in Logroño das sicherlich bekannteste Weinlesefest Spaniens. Höhepunkt ist das traditionelle Traubenstampfen auf der Plaza del Espolón. Hier steht jeweils am 21. September ein riesiger Holzbottich, in dem junge Männer, in Trachten der Region gekleidet, die Trauben zu Most stampfen. Dieser erste Most des Jahres wird anschliessend in einen Krug abgefüllt und feierlich der Schutzpatronin, der Virgen de Valvanera, geopfert. (www.larioja.org)
Weitere Informationen zu den erwähnten Regionen und Feste unter www.spain.info.